Die Witwe aus Kyoto
Wie Chisako Kakehi zur Symbolfigur eines kalt kalkulierten Giftmord-Komplotts wurde – eine Rekonstruktion eines der aufsehenerregendsten Kriminalfälle Japans
25.11.2025
Zusammenfassung & Show Notes
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Einstieg: Der Moment der Wahrheit
Es war ein milder Novembermorgen im Jahr 2014, als sich im Polizeihauptquartier von Kioto ein Raum füllte, der sonst für Routineverhöre genutzt wurde. Auf dem Stuhl in der Mitte: eine zierliche, unscheinbar wirkende Frau, 67 Jahre alt, die Hände ruhig gefaltet, der Blick wie in weiter Ferne. Chisako Kakehi, die in der japanischen Presse längst als Kuroi Kaseifu – „die schwarze Witwe“ – bezeichnet wurde, hörte den Ermittlern beinahe unbeteiligt zu, während sie die Ergebnisse toxikologischer Analysen erläuterten. Cyanid war im Körper ihres zuletzt verstorbenen Mannes gefunden worden. Und nicht nur dort.
Am Ende dieses Vormittags schob ein Ermittler einen Aktenordner zur Mitte des Tisches. Darin: Daten, Briefe, Versicherungsunterlagen, medizinische Befunde – ein Puzzle, das sich über Jahre erstreckt hatte. Kakehi blickte auf die Dokumente, hob kurz die Augenbrauen und sagte mit leiser Stimme:
„Sō desu ka…“ – Ach so.
„Sō desu ka…“ – Ach so.
Es war die beinahe beiläufige Reaktion einer Frau, die zu diesem Zeitpunkt bereits im Verdacht stand, mindestens vier Männer vergiftet zu haben. Einer von ihnen war ihr Ehemann, mit dem sie nur einen Monat verheiratet gewesen war.
Hintergrund Täter & Opfer
Die Biografie der Täterin
Chisako Kakehi wurde 1946 in der Präfektur Saga auf Kyūshū geboren, einer ländlichen Region im Süden Japans. Ihre Kindheit wurde später als „unauffällig“ beschrieben: mittelständische Familie, konservative Erziehung, keine dokumentierten Auffälligkeiten. Sie arbeitete ab den späten 1960er-Jahren in einer Druckerei in Osaka. Kollegen erinnerten sich später an eine zurückhaltende Frau, die kaum auffiel – pflichtbewusst, ruhig, höflich, beinahe unsichtbar.
1970 heiratete sie ihren ersten Ehemann, mit dem sie mehrere Jahrzehnte zusammenlebte. Freunde beschrieben die Ehe als stabil, aber unspektakulär. Finanziell gerieten beide immer wieder in Schwierigkeiten. Gesundheitsprobleme des Mannes verschärften die Lage. Als er 1994 starb, sprach lange niemand von Verdacht. Erst Jahre später, im Zuge der Ermittlungen, wurden frühere Todesfälle in ihrem Umfeld neu bewertet.
Weg in die Einsamkeit – und in das digitale Heiratsgeschäft
Nach dem Tod ihres ersten Mannes begann Kakehi Kontakte zu neuen Partnern über japanische Partnervermittlungsportale zu knüpfen. Viele dieser Plattformen richteten sich speziell an Senioren, die nach langfristigen Beziehungen suchten. Besonders gefragt waren wohlhabende, verwitwete Männer. Kakehi präsentierte sich online als warmherzige, offene Frau, die „noch einmal von vorn beginnen“ wolle.
Die Männer, die mit ihr in Kontakt traten, hatten Gemeinsamkeiten: Sie waren meist über 60, finanziell abgesichert, oft gesundheitlich angeschlagen – und suchten Gesellschaft. Einige lebten allein. Andere hatten komplizierte Familiengeschichten. Viele wiesen in ihren Profilen offen auf ihre Versicherungspolicen hin, wie es in Japan nicht unüblich ist.
Was sie nicht wussten: Kakehi hatte die Fähigkeit, sich exakt auf die Erwartungen ihrer Gegenüber einzustellen. Ermittler sagten später, sie habe ein „feines Gespür für Bedürfnisse, Schwächen und mögliche Vorteile“, die sich aus den Beziehungen ergeben konnten.
Die Opfer
Vier Männer wurden später im Zusammenhang mit Kakehis Handlungen genannt. Drei davon starben an einer Cyanidvergiftung, ein vierter überlebte knapp. Die Opfer waren:
- Ihr Ehemann Isao Kakehi (75), mit dem sie erst 2013 den Bund der Ehe geschlossen hatte. Wenige Wochen nach der Hochzeit bricht er zusammen – in seinem Blut findet man Cyanid.
- Ein früherer Partner (71), der 2012 starb, nachdem er plötzlich bewusstlos geworden war.
- Ein Bekannter (75), dem sie bei einem Treffen Getränke servierte, kurz bevor er kollabierte.
- Ein weiterer Mann (69), der nach einem Treffen mit ihr schwer vergiftet wurde, aber ärztliche Hilfe rechtzeitig erhielt.
Keiner der Männer hatte ahnen können, dass die Frau, die in ihren Nachrichten Zuneigung und Fürsorge ausdrückte, sie nur als Teil eines Systems betrachtete, das sich finanziell für sie lohnen sollte.
Die Tatserie und das Muster
Ein Gift, das kaum Spuren hinterlässt
Cyanid – das Gift, das später in mehreren Körpern gefunden wurde – ist im industriellen Japan kein unbekannter Stoff. Es wird in kleinsten Mengen in einigen Metallverarbeitungsbetrieben verwendet, in Laboren oder in der Schmuckproduktion. Die Ermittler stellten später fest, dass Kakehi über frühere berufliche Kontakte Bescheid wusste, wie man den Stoff lagert und handhabt. Der Besitz von Cyanid ist streng reguliert, aber nicht vollkommen unmöglich – besonders, wenn man weiß, wie man es beschaffen kann.
Der Ablauf der Taten
Die Taten folgten einem wiederkehrenden Muster:
-
Aufnahme von Kontakt
Die Männer lernten Kakehi über Onlineportale kennen. Sie wirkte freundlich, präsentierte sich als gute Zuhörerin und zugleich finanziell solide – ein attraktives Profil für ältere Männer, die nicht isoliert altern wollten. -
Schnelle Intimisierung
Auffällig war, wie rasch sie Beziehungen emotional intensivierte. Sie vermittelte Nähe, sprach über Zukunftspläne, sprach von Harmonie und gegenseitiger Unterstützung. -
Finanzielle Absicherung
In mehreren Fällen legten die Opfer Versicherungen zugunsten von Kakehi an oder übertrugen ihr Vermögenswerte. Einige gaben ihr Zugang zu Konten oder unterschrieben entsprechende Vollmachten. -
Das letzte Treffen
Der Zeitpunkt der Vergiftung erfolgte meist in Alltagssituationen: beim Tee, in Restaurants, im Auto oder zu Hause. Die Männer tranken oder aßen etwas – vermutlich ohne zu ahnen, dass das Gift bereits darin war. -
Ein plötzlicher Zusammenbruch
Cyanid wirkt schnell. Atemnot, Krämpfe, Verlust des Bewusstseins. Die Täterin rief teilweise Rettungskräfte, teilweise nicht. In einigen Fällen schilderte sie später, die Männer hätten „plötzlich einen Herzinfarkt bekommen“.
Ein Komplott, das sich über Jahre erstreckte
Offenbar verließen die Ermittler sich lange auf die natürliche Erklärung der Todesursachen. Erst als sich Muster häuften – ältere Männer, kurze Beziehungen, plötzliche Todesfälle, stets dieselbe Frau im Zentrum – begann man, Fragen zu stellen.
Die Ermittlungen
Ein ungewöhnlicher Anfang
Der Anfang der umfangreichen Ermittlungen lag im Tod von Isao Kakehi im Dezember 2013. Der Mann hatte sich kurz vor dem Zusammenbruch bester Gesundheit erfreut. Ärzte bemerkten im Krankenhaus rasch toxikologische Auffälligkeiten. Die Polizei begann nachzuforschen.
Die Nebenlinie: Versicherungen und Vermögenswerte
Ein zweiter Schwerpunkt entstand, als Banken und Versicherungen auffällige Bewegungen in Kakehis Umfeld meldeten. Sie hatte in den Jahren zuvor erhebliche Geldbeträge erhalten – teils aus Versicherungen verstorbener Partner, teils aus gemeinsamen Vermögensübertragungen. Die Gesamtsumme wurde später auf mehrere Millionen Yen geschätzt.
Investigative Journalisten recherchierten parallel und veröffentlichten Berichte über „verdächtige Todesfälle“, die alle auf dieselbe Frau zurückzuführen waren.
Forensische Spurensuche
Entscheidend waren die toxikologischen Ergebnisse: Gerichtsmediziner fanden in mehreren Körpern Rückstände von Cyanid. Zudem entdeckten Ermittler Spuren des Gifts in der gemeinsamen Wohnung der Kakehis – insbesondere in einem kleinen Behälter, der in einer Mülltüte versteckt war.
Ein Ermittler erinnerte sich später:
„Es war, als hätten wir ein Fadenende gefunden, das zu einem riesigen Netz führte.“
Zeugen und ihre Aussagen
Nachbarn berichteten, Kakehi habe in den Tagen nach den Todesfällen kaum Trauer gezeigt. Ein früherer Bekannter beschrieb sie als „freundlich, aber schwer durchschaubar“. Andere sagten, sie habe gelegentlich darüber gesprochen, dass sie es „verdient“ habe, finanziell abgesichert zu sein.
Mehrere Bekannte der Opfer beschrieben Situationen, in denen sie Getränke aus ihrer Hand erhalten hatten – und diese ungewöhnlich bitter schmeckten. Damals hatten sie nichts dabei gedacht.
Internationale Aufmerksamkeit
Als der Fall zunehmend Publik wurde, berichteten Medien weltweit über die „Black Widow von Japan“. Die internationale Berichterstattung erhöhte den Druck auf die japanische Polizei, alle offenen Fragen zu klären und alle möglichen Opferfälle auszuwerten.
Der Prozess
Ein Prozess, der das Land beschäftigte
Der Prozess begann 2017 im Bezirksgericht von Kioto. Über Monate hinweg verfolgten japanische Medien jede Aussage, jedes Detail, jede Geste der Angeklagten. Die Sitzplätze im Gerichtssaal wurden verlost; so groß war der Andrang.
Die Rolle der Angeklagten
Chisako Kakehi zeigte sich im Prozess wechselhaft: mal trotzig, mal apathisch, mal verweigernd. Ihr Gesundheitszustand soll bei den Verhandlungen schwankend gewesen sein. Teilweise behauptete sie, sich an zentrale Ereignisse nicht zu erinnern.
In einem kurzen Moment jedoch, nach Wochen der Verhandlung, äußerte sie sich zu einem der Todesfälle. Auf die Frage, ob sie ihren Ehemann vergiftet habe, sagte sie:
„Ich hatte keine andere Wahl.“
Später widerrief sie die Aussage.
Die Beweislage
Die Staatsanwaltschaft führte folgende Hauptbeweise an:
- toxikologische Untersuchungen der Opfer
- Cyanidspuren in ihrer Wohnung
- Fingerabdrücke auf Behältern
- Zeugenaussagen
- Finanzunterlagen, die einen klaren Vorteil für Kakehi zeigten
- ihre jahrelange Nutzung von Partnervermittlungen
- inkonsistente Aussagen der Angeklagten
Das Urteil
Im November 2017 wurde Chisako Kakehi schuldig gesprochen – wegen des Mordes an drei Männern und des versuchten Mordes an einem vierten. Das Gericht sah das Motiv in finanzieller Bereicherung. Das Urteil: Todesstrafe.
In Japan ist die Todesstrafe für besonders schwere Verbrechen weiterhin zulässig. Das Urteil führte erneut zu landesweiten Debatten über Ethik, Rechtsprechung und Altersgrenzen.
Kakehi legte Berufung ein. Doch das Obergericht bestätigte das Urteil. 2021 wurde auch ihre letzte Revision abgelehnt.
Rückwirkungen & Reflexion
Gesellschaftliche Bedeutung
Der Fall löste Debatten über den Umgang mit älteren, alleinstehenden Menschen aus – besonders über deren Verwundbarkeit in digitalen Beziehungsnetzwerken. Viele Senioren vertrauen intensiver auf Onlinepartnerbörsen und hinterlassen dort sensible Informationen.
Auch die Frage nach der Rolle von Versicherungen wurde diskutiert: Wie konnte es möglich sein, dass eine einzelne Frau über Jahre hinweg mehrfach begünstigt wurde, ohne dass Warnungen ausgelöst wurden?
Medienreaktionen
Japanische und internationale Medien beschäftigten sich mit der Täterin wie mit einer düsteren Figur aus einem Kriminalroman. Doch der Fall war real – und die Opfer echte Menschen mit Familien, Hoffnungen und einer Zukunft, die ihnen genommen wurde.
Dokumentationen, Podcasts und detaillierte Reportagen rekonstruierten die Hintergründe. Einige Journalisten betonten die Gefahr der Sensationalisierung und plädierten für Vorsicht im Umgang mit Persönlichkeitsprofilen.
Ethik und Öffentlichkeit
Der Fall wirft bis heute Fragen auf:
- Wie viele Männer starben tatsächlich?
- Warum wurde die Serie erst spät erkannt?
- Welche Verantwortung tragen Plattformen, die über sensible Daten verfügen?
- Wie kann man ältere Menschen vor emotionaler und finanzieller Manipulation schützen?
Die Antworten darauf sind komplex. Doch eines bleibt unstrittig: Der Fall Chisako Kakehi ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen – und ein Mahnmal dafür, wie perfide Vertrauen missbraucht werden kann.