Serienmord & Wahnsinn

Wahre Fälle. Wahre Täter. Wahnsinn pur.

Der Tagansky-Maniac

Wie Andrei Evseev Moskau in Angst versetzte – und warum die Ermittler einem Täter mit „freundlichen Augen“ jahrelang hinterherliefen

19.08.2026 16 min

Zusammenfassung & Show Notes

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 Ein Winterabend, der alles veränderte 

Als die Ermittler am 28. Dezember 1977 die Wohnung des 22-jährigen Andrei Evseev betraten, fanden sie zunächst kaum etwas, das auf einen der meistgesuchten Gewaltverbrecher der Sowjetunion hindeutete. Die Räume wirkten unscheinbar. Doch zwischen alltäglichen Gegenständen stießen sie auf ein Hundehalsband – später identifiziert als Eigentum eines Mordopfers. Von Schmuck fehlte jede Spur. 

Erst Tage später brachte eine beiläufige Bemerkung des Festgenommenen die Ermittlungen entscheidend voran. Gegenüber einem Zellengenossen sagte Evseev, seine Mutter werde wohl inzwischen „Kuchen mit Schmuck backen“. Der Mitgefangene arbeitete als Informant. Die Ermittler kehrten zurück. Tatsächlich entdeckten sie die gestohlenen Wertgegenstände in einem Mehlsack versteckt. 

Damit endete eine mehrjährige Mordserie, die Moskau und das Umland in den 1970er-Jahren erschüttert hatte. Ein Täter, den Überlebende als höflich wirkenden jungen Mann mit Koteletten und freundlichen Augen beschrieben hatten, gestand schließlich neun Morde, zahlreiche weitere Gewalttaten und Dutzende Raubüberfälle. 

Ein unstetes Leben 

Andrei Nikolajewitsch Evseev wurde 1955 im Moskauer Gebiet geboren. Seine Schulzeit endete früh. Nach der siebten Klasse wechselte er zwischen verschiedenen Gelegenheitsarbeiten, unter anderem als Modell, Laborassistent und Matrose. Bereits als junger Mann wurde er zeitweise psychiatrisch behandelt. Später schilderte er diese Zeit als traumatisch und belastend. 

Nach außen führte Evseev kein Leben, das ihn automatisch in den Fokus der Behörden gerückt hätte. Er bewegte sich unauffällig durch den sowjetischen Alltag. Hinter dieser Fassade entwickelte sich jedoch eine Serie extremer Gewalttaten, deren Muster zunächst niemand erkannte. 

Die ersten Morde 

Im August 1974 wurde im damaligen Zagorsk eine 16-jährige Schülerin erstochen. Nur einen Tag später fiel ein älterer Koch einem weiteren Messerangriff zum Opfer. Der Täter entwendete neben Geld sogar Lebensmittel – darunter ein Hähnchen und in der damaligen Sowjetunion seltene importierte Pfirsiche. 

Die Ermittlungen verliefen zunächst in die falsche Richtung. Ein junger Soldat geriet unter Verdacht und legte sogar ein Geständnis ab, das sich später als unhaltbar erwies. Währenddessen blieb der eigentliche Täter unbehelligt und setzte seine Taten fort. 

Ein Täter ohne klares Muster 

In den folgenden Wochen häuften sich Messerangriffe in Moskau. Einige Opfer überlebten schwer verletzt und beschrieben unabhängig voneinander denselben Mann. 

Mehrere Frauen trugen rote Kleidung. In der Bevölkerung entstand deshalb der Eindruck, ein Serienmörder habe es gezielt auf Frauen in Rot abgesehen. Dieser Beiname verbreitete sich schnell. Tatsächlich griff Evseev später jedoch auch Menschen an, die dieses Merkmal nicht aufwiesen. Das vermeintliche Muster erwies sich als unzuverlässig. 

Seine Opfer wurden überwiegend ausgeraubt. Manche starben sofort, andere erlagen später ihren Verletzungen. Ein Student überlebte ebenso wie mehrere weitere Angegriffene und lieferte wichtige Täterbeschreibungen. 

Der Versuch, die Ermittler zu täuschen 

Besonders ungewöhnlich war ein Mord im September 1974. Das Opfer ähnelte Evseev äußerlich stark und hatte viele Jahre im Gefängnis verbracht. 

Nach den Ermittlungen zog der Täter dem Getöteten seine eigene Kleidung an, offenbar um den Eindruck zu erwecken, der Gesuchte sei selbst tot. Tatsächlich beschäftigten sich die Ermittler zeitweise mit genau dieser Möglichkeit. Der Plan verzögerte die Aufklärung erheblich und zeigte, dass Evseev seine Taten nicht impulsiv, sondern teilweise mit erheblicher Berechnung ausführte. 

Angst in der Hauptstadt 

Im Oktober 1974 eskalierte die Situation. Innerhalb kurzer Zeit kam es zu mehreren Überfällen im Tagansky-Bezirk sowie an verschiedenen Metrostationen. Die Angriffe folgten dicht aufeinander. Mehrere Menschen starben. 

Die Unsicherheit in Moskau wuchs. Der Fall erhielt enorme Aufmerksamkeit innerhalb der sowjetischen Sicherheitsbehörden. Die Sorge war so groß, dass sich Innenminister Nikolai Schtschelokow öffentlich an die Bevölkerung wandte und zu besonderer Vorsicht aufrief – ein außergewöhnlicher Schritt für einen Staat, der Serienkriminalität nur ungern öffentlich thematisierte. 

Nach dieser ungewöhnlichen Warnung verschwanden die Angriffe zunächst fast vollständig. Rund zwei Jahre lang blieb es vergleichsweise ruhig. Ermittler gingen später davon aus, dass die verstärkte Fahndung und die öffentliche Aufmerksamkeit den Täter verunsichert hatten. 

Die Rückkehr 

1976 tauchte Evseev erneut auf. Wieder kam es zu Raubüberfällen, von denen einige tödlich endeten. 

1977 erreichte die Gewalt einen neuen Höhepunkt. Unter den Opfern befand sich Lydia Kuprijanowa, die Ehefrau des bekannten sowjetischen Künstlers Michail Kuprijanow. Nach den Ermittlungen missbrauchte Evseev ihr Opfer nach dessen Tod – das einzige öffentlich dokumentierte Sexualdelikt seiner Mordserie. 

Nur wenige Wochen später tötete er eine weitere Frau in Sofrino. Diesmal beobachteten Zeugen einen verdächtigen Mann. Die Aussagen führten zunächst zu einem anderen Verdächtigen, der jedoch glaubhaft erklären konnte, wie er an die belastende Kleidung gelangt war. Erst weitere Hinweise brachten die Ermittler schließlich auf Evseev. 

Die entscheidenden Spuren 

Ein Zeuge erinnerte sich an einen Mann in Eisenbahneruniform. Die Ermittler verglichen vorhandene Personalunterlagen und stießen dabei auf Evseev, der bereits kriminalpolizeilich bekannt war. 

Seine Festnahme erfolgte kurz vor dem Jahreswechsel 1977. 

Während der Verhöre verweigerte Evseev zunächst jede Aussage. Berichten zufolge erklärte er sich erst zur Kooperation bereit, nachdem ihm gesalzener Hering gebracht worden war, den er vollständig – einschließlich der Gräten – verzehrte. 

Schließlich legte er umfassende Geständnisse ab. Nach den Ermittlungen war er für neun Morde, zahlreiche Mordversuche, einen Fall sexueller Gewalt an einer bereits getöteten Person sowie mehr als dreißig Raubüberfälle verantwortlich. 

Psychiatrische Begutachtung und Prozess 

Sachverständige untersuchten den Angeklagten psychiatrisch. Sie diagnostizierten eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, kamen jedoch zu dem Schluss, dass Evseev schuldfähig war. 

Reue zeigte er nach den überlieferten Aussagen nicht. Stattdessen äußerte er Verachtung gegenüber Menschen, die ein gewöhnliches Arbeitsleben führten. Selbst während der Untersuchungshaft soll er großen Wert auf körperliche Fitness gelegt und täglich trainiert haben. 

1979 verurteilte ein sowjetisches Gericht Andrei Evseev zum Tode. Das Urteil wurde noch im selben Jahr durch Erschießung vollstreckt. 

Ein Fall mit bleibender Wirkung 

Der Fall Evseev gehört zu den bekanntesten Serienmordfällen der sowjetischen Kriminalgeschichte. Er machte deutlich, wie schwierig die Fahndung nach einem mobilen Einzeltäter in einer Zeit ohne moderne DNA-Analysen, digitale Datenbanken oder flächendeckende Videoüberwachung war. 

Zugleich zeigte der Fall die Grenzen des sowjetischen Informationssystems. Serienmorde passten nicht in das offizielle Selbstbild eines Staates, der Kriminalität häufig als Randerscheinung darstellte. Umso außergewöhnlicher war die öffentliche Warnung des Innenministers – ein Eingeständnis, dass die Behörden den Täter über Jahre nicht stoppen konnten. 

Bis heute bleibt Andrei Evseev als „Tagansky-Maniac“ Teil zahlreicher kriminalhistorischer Analysen und Dokumentationen. Weniger wegen der Zahl seiner Taten als wegen der Kombination aus scheinbarer Unauffälligkeit, jahrelanger Fahndung und einer Mordserie, die eine Millionenstadt in Angst versetzte. 

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