Serienmord & Wahnsinn

Wahre Fälle. Wahre Täter. Wahnsinn pur.

Der Mann, der die Stadt fürchtete

Die dunkelsten Jahre von Madras – Wie der Serienmörder Auto Shankar ein ganzes System entlarvte

18.11.2025

Zusammenfassung & Show Notes

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 Einstieg – Die Nacht, in der die Maskerade zerbrach 

Es war kurz nach Mitternacht, als sich im Juli 1989 in einer Seitenstraße des damals noch Madras genannten Chennai mehrere Polizeifahrzeuge langsam durch die stickige Hitze drängten. Die Luft roch nach Abgasen, Meer und jener Mischung aus Staub und Diesel, die den Hafenbezirk von Thiruvanmiyur prägte. Anwohner spähten aus Fenstern, verwundert über die ungewöhnliche Aktivität. 

Vor einer schmalen Hütte, kaum mehr als ein Verschlag aus Blech und Holz, stoppte der Konvoi. Beamte stiegen aus, schulterten Taschenlampen, zogen die Waffen nur halb – ein Zeichen, dass Gefahr möglich, aber nicht sicher war. Die Männer hatten einen Hinweis erhalten, präzise genug, um den Einsatz noch in derselben Nacht zu starten: Gowri Shankar, in der ganzen Stadt inzwischen nur unter einem Namen gefürchtet – Auto Shankar –, sollte sich hier verstecken. Der Mann, dem die Polizei eine Serie brutaler Morde zuschrieb, war seit Wochen auf der Flucht. 

Als die Tür eingetreten wurde, brach die Fassade seiner jahrelangen Schutznetze zusammen. Shankar saß auf einer Matte am Boden, erschöpft, unrasiert, aber erstaunlich gefasst. Er hob langsam die Hände, so als wisse er, dass dieser Moment unausweichlich gewesen war. Für die Ermittler war es die Festnahme eines Serienmörders. Für die Stadt Madras aber markierte dieser Augenblick den Beginn einer Wahrheit, die noch erschreckender war als die Taten selbst: Die bevorstehende Aufarbeitung würde zeigen, dass Shankar nicht nur ein Mörder war – sondern ein Produkt eines Systems, das organisierte Kriminalität, korrupte politische Strukturen und tiefe soziale Verwundbarkeit begünstigte. 

 
Hintergrund – Wer war Auto Shankar? 

Ein Leben am Rand 

Gowri Shankar wurde 1954 in Tamil Nadu geboren, in bescheidenen Verhältnissen, wie sie für viele Familien der Region typisch waren. Über seine Kindheit existieren nur bruchstückhafte, aber übereinstimmende Beschreibungen: Armut, unregelmäßige Schulbildung, kaum berufliche Perspektiven. 

In den 1970er-Jahren zog er nach Madras, damals ein pulsierendes urbanes Zentrum, das gleichzeitig Magnet für Arbeitssuchende und Brutstätte für Kriminalität war. Shankar fand zunächst Gelegenheitsjobs, schließlich ein Autorickshaw, das ihm nicht nur Einkommen, sondern auch eine gewisse Unabhängigkeit verschaffte. Bald wurde aus Gowri Shankar „Auto Shankar“, ein Spitzname, der zunächst harmlos klang – bis er Jahrzehnte später für ein Kapitel kriminalhistorischer Brutalität stehen sollte. 

Der Weg ins Rotlichtmilieu 

Shankar bewegte sich in einem sozialen Gefüge, in dem Armut, Migration und die Suche nach schnellem Geld eng verwoben waren. In den 1980er-Jahren stieg er vom einfachen Fahrer zum Mittelsmann im Rotlichtmilieu auf. Er vermittelte Prostituierte, organisierte Unterkünfte, kontrollierte bestimmte Straßenzüge. 

Der Übergang zu Gewalt scheint fließend gewesen zu sein. Zeugen beschrieben ihn später als charismatisch, aber impulsiv, jemand, der Loyalität einforderte und brutale Konsequenzen zog, wenn man ihn verriet. Seine Macht basierte nicht nur auf Einschüchterung, sondern auf seinen Kontakten zu lokalen Politikern und Polizisten, die ihn jahrelang schützten – ein zentraler Aspekt, der nach seiner Verhaftung landesweit Empörung auslöste. 

Die Opfer – Unsichtbare Frauen einer unsichtbaren Welt 

Die meisten der später identifizierten Opfer waren junge Frauen aus prekären Verhältnissen, viele von ihnen im Rotlichtmilieu tätig oder dorthin gedrängt worden. Ihre Namen stehen in Indien heute sinnbildlich für eine gesellschaftliche Realität, in der Frauen aus sozioökonomisch schwachen Gruppen kaum Schutz vor Gewalt und Ausbeutung hatten. 

Die Geschichten dieser Frauen blieben lange im Schatten – nicht nur, weil ihre Lebensumstände sie verwundbar machten, sondern auch, weil Polizei und Politik wenig Interesse daran zeigten, sie zu schützen. Für eine sorgfältige Reportage über diesen Fall ist es entscheidend, diese strukturellen Hintergrundbedingungen sichtbar zu machen. 

 
Die Tatserie – Wie eine Spur aus Vermisstenanzeigen zu einem Muster wurde 

Shankar wird in offiziellen Berichten mit mindestens sechs Morden zwischen 1988 und 1989 in Verbindung gebracht. Die genaue Zahl bleibt unklar; verschiedene Medienberichte und Recherchearbeiten lassen offen, ob die Dunkelziffer höher liegt. 

1988 – Das Verschwinden beginnt 

Als die junge Frau Lalitha verschwand, fiel dies zunächst kaum auf. Frauen aus dem Rotlichtmilieu verschwanden immer wieder – manche flohen vor Zuhältern, manche wechselten Städte. Erst als weitere Frauen verschwanden, darunter Premalatha und Sudalai, wurde erkennbar, dass hier ein Muster vorlag. 

Wohl wissend, dass viele seiner Opfer keine familiäre Rückendeckung hatten, konnte Shankar ungehindert agieren. Hinweise deuten darauf hin, dass er die Frauen ermordete, wenn sie sich ihm widersetzten, seine Autorität infrage stellten oder versuchten, das Milieu zu verlassen. 

Tatmethoden – Sachlich dokumentiert, nicht voyeuristisch 

Die Details der Tötungen sind in Polizeiberichten klar, aber ohne unnötige Sensationalisierung dokumentiert: Es handelte sich um geplante, gezielte Taten, häufig mit vorheriger Entführung und anschließender Beseitigung der Leichen in verlassenen Gebieten rund um Thiruvanmiyur. Mehrere Opfer wurden verbrannt oder vergraben – ein Vorgehen, das Ermittlungen erheblich erschwerte. 

1989 – Der Fall wird öffentlich 

Der Wendepunkt kam, als mehrere Angehörige, unterstützt von lokalen Journalisten, Druck auf die Polizei ausübten. Es waren letztlich beharrliche Recherchen der regionalen Presse, die das Schweigen der Behörden durchbrachen und den Fall in die Öffentlichkeit trugen. 

 
Die Ermittlungen – Eine Stadt zwischen Wahrheit und Vertuschung 

Die Suche nach einem Phantom 

Als die Polizei endlich aktiv wurde, war Shankar bereits untergetaucht. Was folgte, war eine der bis dahin größten Suchaktionen im Bundesstaat Tamil Nadu. Der Fall entwickelte sich rasch zu einem Politikum, weil Shankar selbst behauptete, er habe unter dem Schutz lokaler Politiker und Polizisten gearbeitet. Diese Verbindungen reichten möglicherweise weiter, als der Öffentlichkeit damals bekannt war. 

Die Aussagen, die das System erschütterten 

Nach seiner Festnahme begann Shankar zu reden. Seine Aussagen, die er später teilweise widerrief, zeichneten das Bild eines weit verzweigten Netzwerks aus Kriminalität, Korruption und Machtmissbrauch. Er beschuldigte Beamte, ihn jahrelang gedeckt, Bestechungsgelder angenommen und sogar selbst von der Prostitution profitiert zu haben. 

Mehrere der von ihm genannten Personen wurden später tatsächlich disziplinarisch belangt oder versetzt – ein indirekter Hinweis auf die Grundlage seiner Vorwürfe. 

Gerichtsakten und Indizien 

Die Beweisführung war komplex: Forensisches Material existierte nur teilweise, viele Tatorte waren verwischt oder unzugänglich. Dennoch gelang es den Ermittlern, durch Zeugenaussagen, Spurensicherung und Geständnisse aus Shankars Umfeld ein zusammenhängendes Bild zu rekonstruieren. 

Besonders belastend waren die Aussagen zweier Mittäter, die später ebenfalls verurteilt wurden. Sie beschrieben detailliert, wie Shankar Entführungen plante, wie er Verstecke auswählte und wie er seine Komplizen einschüchterte. 

 
Prozess und Urteil – Die Justiz zieht Konsequenzen 

Der Prozess gegen Auto Shankar begann 1990 unter enormer öffentlicher Aufmerksamkeit. Die Verhandlung galt als Prüfstein dafür, ob die Justiz in der Lage war, nicht nur einen Serienmörder, sondern auch die Strukturen um ihn herum zu bestrafen. 

Ein Prozess voller Nebenschauplätze 

Immer wieder wurde diskutiert, welche seiner Aussagen glaubwürdig seien und welche er nutzte, um sein eigenes Bild zu verzerren oder prominente Namen in Skandale zu verwickeln. Gleichzeitig führte der Prozess zu einer intensiven Debatte über Medienfreiheit, weil ein bekannter Fall – Shankars Versuch, aus dem Gefängnis heraus einen Artikel an eine Zeitung zu veröffentlichen – vor dem Obersten Gerichtshof landete. 

Das Gericht entschied, dass auch ein verurteilter Mörder das Recht habe, seine Darstellung zu äußern – ein Urteil, das bis heute häufig zitiert wird. 

Das Urteil 

Shankar wurde schließlich in mehreren Mordfällen zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde im Jahr 1995 durch Hinrichtung am Galgen vollstreckt. Mit ihm endete ein Fall, der jedoch weit mehr als eine persönliche Schuld thematisiert hatte. Zwei seiner Komplizen erhielten langjährige Haftstrafen. 

 
Rückwirkungen – Warum der Fall Auto Shankar bis heute nachwirkt 

Mediale Aufarbeitung 

Der Fall wurde in Indien zu einem Symbol für systemische Korruption. Zeitungen veröffentlichten monatelang investigative Serien, TV-Sender produzierten Dokumentationen, und sogar Spielfilmadaptionen entstanden später, darunter eine umstrittene Webserie, die erneut politische Fragen aufwarf. 

Gesellschaftliche Fragen 

Der Fall führte zu tiefen Diskussionen darüber: 

  • Wie konnte ein lokaler Krimineller über Jahre Frauen verschwinden lassen, ohne dass Behörden einschritten?
  • Warum waren die Opfer so wenig geschützt?
  • Welche Rolle spielte der Einfluss politischer Netzwerke?
  • Wie kann ein Rechtssystem funktionieren, wenn Zeugen aus Angst schweigen?

Diese Fragen waren in den 1990ern wegweisend und gelten in Teilen heute noch als ungelöst.
 
Nachhall im kollektiven Gedächtnis
 
Es war nicht nur die Brutalität der Taten, sondern das Zusammenspiel aus sozialer Verwundbarkeit, Machtmissbrauch und Wegschauen der Institutionen, das den Fall Auto Shankar zu einem der bedeutendsten True-Crime-Fälle Indiens machte. Er steht exemplarisch für die Schattenseiten eines Systems, das sich erst durch öffentlichen Druck zur Wahrheit zwingen ließ.
 

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