Der „Bestie von British Columbia“ auf der Spur
Wie Clifford Robert Olson Jr. zwischen 1980 und 1981 elf Kinder und Jugendliche ermordete — und die Aufarbeitung seines Falls bis heute Fragen offenlässt
16.11.2025
Zusammenfassung & Show Notes
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Einstieg: Der Tag der Festnahme
Ein kühler Augustmorgen im Jahr 1981. Das Zwielicht lag noch über den Straßen von Vancouver, als Beamte der Royal Canadian Mounted Police (RCMP) mit der Telefonnummer des Mannes ankamen, von dem sie bereits ahnten, dass er mehr wusste, als gut für ihn war. Im Haus von Clifford Robert Olson Jr. schlug die Tür auf — Augenblicke später war er festgenommen. Nicht durch akute Tatbeobachtung, sondern durch ein Ermittlernetzwerk, das Hinweis um Hinweis gesponnen hatte. Die Verhaftung am 12. August 1981 beendete eine monatelange Serie von Entführungen und Morden an Kindern und Jugendlichen — elf Opfer zählten die Behörden später.
Der Mann, der nun in Handschellen abgeführt wurde, war kein unbeschriebenes Blatt. Jahrzehntekrimineller Hintergrund, höflich, gewandt, aber mit einem inneren Dunkel, das kaum jemand durchschaut hatte. In den folgenden Tagen kam es zu einem Deal: Olson gestand die Taten, zeigte die Fundorte unerkannter Leichen — und erzwang damit eine Debatte über Gerechtigkeit, Wahrung der Opfer und die Moral von Vereinbarungen mit einem Monster.
In jenem Augenblick, als die Handschellen klickten, begann nicht nur das vorläufige Ende einer Mordserie — sondern der Anfang einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Tätermotiven, Systemfehlern und der Frage, wie Gesellschaften mit dem Unfassbaren umgehen.
Hintergrund – Täter und Opfer
Biografie des Täters
Clifford Robert Olson Jr. wurde am 1. Januar 1940 in Vancouver, British Columbia, Kanada, geboren. Schon früh trat eine verworrene Spur krimineller Handlungen auf: Im 1957 wurde er erstmals wegen Einbruch, Diebstahl und Sachbeschädigung verurteilt; in den 1960er und 70er Jahren folgten Dutzende weitere Urteile für bewaffneten Raub, Einbruch, Flucht und Betrug.
Seine Persönlichkeit wurde nach der Festnahme psychiatrisch untersucht: Ein Gutachten bescheinigte ihm laut Medienbericht auf der „Psychopathy Checklist“ 38 von 40 Punkten — die Skala, mit der Psychopathie gemessen wird. Olson war charmant im Auftreten, oft redegewandt, gleichzeitig aber rücksichtslos, manipulierend und gewaltbereit. Seine Ehe mit einer jungen Frau beruhigte seine Fassade – nach außen hin war er freundlicher Familienvater, nach innen trug er Ängste, Argwohn und eine tief gespaltene Persönlichkeit.
In Untersuchungshaft schilderte Olson selbst, er habe durch Gespräche mit Zellengenossen in Jugendhaft ein sexuelles Interesse an Kindern entwickelt – eine Aussage, deren wahre Bedeutung schwer einzuschätzen ist, da sie zugleich Teil seiner Darstellung war.
Opfer – Wer waren die Jungen?
Die elf bekannten Opfer waren zwischen 9 und 18 Jahre alt. Ihre Namen wurden in der Öffentlichkeit genannt, ihre Familien schlossen sich zu Opfervertretungen zusammen. Es waren Mädchen und Jungen, Einzelreisende, Pendlerinnen und Jugendliche aus dem Großraum Vancouver – häufig waren sie auf dem Heimweg oder unterwegs zu Freunden, als Olson zuschlug. Ihre Leben wurden brutal abgebrochen – und sie stehen stellvertretend für die Unsicherheit, der viele Familien jener Zeit ausgeliefert waren.
Die Opfer haben Namen bekommen – nicht nur Nummern in der Kriminalstatistik. Hinter jeder Leiche stand eine Familie, eine Geschichte, eine verlorene Zukunft.
Tatserie / Tatablauf
Die Tatserie begann im Zeitraum von Sommer 1980 und dauerte bis in den August 1981. Im Rückblick läßt sich ein gewisses Muster erkennen – gleichzeitig gibt es für einzelne Taten Besonderheiten.
Olsons erstes bekanntes Opfer wurde im November 1980 ermordet – genaues Datum: 19. November. Danach folgten im Frühjahr und Sommer 1981 weitere Entführungen und Morde. Beispielsweise wurde am 25. Juli 1981 die vierzehnjährige Judy Kozma bei Weaver Lake in der Region New Westminster tot aufgefunden. Zwei Tage später folgte der Fund der Leiche der 18-jährigen Sigrun Arnd, einer deutschen Touristin in Kanada.
Zwischen den einzelnen Taten vergingen jeweils nur wenige Tage – häufig griff Olson schneller zu, als die Polizei vermuten konnte. Die Vorgehensweise: Er suchte sich Mädchen oder Jugendliche aus, oft isoliert, entführte sie, brachte sie an abgelegene Orte, folterte und ermordete sie, teilweise mit sexueller Gewalt, teilweise mittels Erwürgung oder Schlagwerkzeug. Der Körper wurde dann in Waldgebieten, Seen oder abgelegenen Landstrichen abgestellt.
Ein weiteres Opfer, Terri Lyn Carson (15), wurde am 27. Juli 1981 ermordet. Die letzte bekannte Tat ereignete sich am 30. Juli 1981 mit der 17-jährigen Louise Chartrand.
Wichtig: Bei den Ermittlern entstand das Bild eines Täters, der mit einer geschickten Täuschung arbeitete – freundlich, vertrauensvoll, dem Opfer scheinbar ungefährlich. Dann aber entfaltete sich die Gewalt. Auch geografisch spielte British Columbia eine zentrale Rolle – die Großräume Vancouver, New Westminster, Surrey, Abbotsford wurden in den Fokus genommen. Zwischen den Taten wurden Olson mehrfach wegen Sexualdelikten festgenommen und wieder auf freien Fuß gesetzt; etwa im April 1981 – die strafrechtlichen Verfahren wurden jedoch eingestellt („stayed“) oder gegen Kaution entlassen.
Zusammengefasst war die Tatserie gekennzeichnet durch:
- Opferkreis: Kinder und Jugendliche im Alter von unter 20 Jahren
- Vorgehensweise: Entführung, sexuelle Gewalt, Mord, Verbergen der Leichen
- Zeitraum: etwa 8–10 Monate
- Täter mobil: wechselnde Tatorte, aber alle im Großraum British Columbia
- Polizeiinterventionen: mehrfach Unterbrechung/Verfolgung von Sexualdelikten ohne Verknüpfung mit Mordserie
Ermittlungen
Die Ermittlungen wurden von der RCMP koordiniert, unterstützt von den lokalen Polizeikräften in Vancouver und Umgebung. In der Anfangsphase war es schwierig, die einzelnen Morde zu verknüpfen – unterschiedliche Tatorte, verschiedene Opferprofile, keine sofort erkennbare Verbindung zwischen den Fällen. Erst durch forensische Arbeiten, Zeugenaussagen und schließlich durch die Überwachung von Verdächtigen gelang es, ein Täterprofil aufzubauen.
Zu einem entscheidenden Hinweis führte die Festnahme Olsons am 12. August 1981, nachdem er verdächtigt wurde, zwei Mädchen entführen zu wollen. Bei der Vernehmung einigte man sich auf einen Deal: Olson gestand 11 Morde und verpflichtete sich, die Standorte bislang unbekannter Leichen zu offenbaren. Im Gegenzug erhielt seine Ehefrau eine Treuhandzahlung von 10.000 CAD pro Opfer – Gesamt etwa 100.000 CAD. Diese Vereinbarung sorgte in Kanada für öffentliche Empörung – viele sahen darin eine Form von „Belohnung“ für Mord.
Auch forensische Fragen spielten eine Rolle: Olson hatte eine jahrzehntelange kriminelle Vergangenheit, aber die Verknüpfung früherer Sexualdelikte mit den Morden gelang nicht rechtzeitig. Experten warnten bereits 1981, dass sich Sexualtäter zu Killern entwickeln könnten – bei Olson hatte man zwar Hinweise, aber kein präventives Eingreifen.
Die parlamentarische Aufarbeitung begann bereits im Januar 1982: Eine Anhörung im kanadischen Parlament benannte Fragen zu Ethik, Strafvollzug und Opferrechten im Zusammenhang mit dem Fall Olson.
Prozess & Urteil
Im Januar 1982 erschien Olson vor Gericht. Er bekannte sich in seinem Deal-Rahmen schuldig zu elf Morden, und das Gericht verhängte elf lebenslange Freiheitsstrafen. Der zuständige Richter Lord McKay sagte bei der Urteilsverkündung: „Meine überlegte Meinung ist, dass Sie für den Rest Ihres Lebens niemals auf Bewährung entlassen werden sollten. Es wäre töricht, Sie auf freien Fuß zu setzen.“
In Kanada bedeutet eine Verurteilung wegen Mordes ersten Grades mindestens 25 Jahre Haft, bevor eine mögliche Bewährung in Betracht gezogen werden kann. Im Fall Olson gab es diese Möglichkeit – formal alle zwei Jahre eine Anhörung –, praktisch war eine Freilassung stets abgelehnt worden.
Ein markantes Detail: Olson beantragte im Rahmen der sogenannten „Faint Hope“-Regelung (eine Möglichkeit zur frühzeitigen Prüfung der Bewährung) eine Genehmigung. Im Juli 2006 erklärte die Parole-Kommission, Olson stelle weiterhin ein hohes Risiko dar – ein Freikommen sei nicht gerechtfertigt.
Die Debatten über das Urteil überschritten rasch die juristische Ebene: Ist es gerecht, mit einem Serienmörder eine Vereinbarung über Geständnisse und Leichenstandorte zu treffen? Wie sieht es mit Opferrechten und moralischer Schuldverrechnung aus? Diese Diskussionen verliefen in Medien, Justiz und Parlament.
Rückwirkungen / Reflexion
Der Fall Clifford Olson führte in Kanada zu einer tiefgreifenden Debatte über das Verhältnis von Täter- und Opferrechten, die Integrität der Strafjustiz und das Vertrauen der Öffentlichkeit in polizeiliche Prozesse.
Eine unmittelbare Wirkung war die öffentliche Empörung über die Zahlung an Olsons Ehefrau – viele sahen darin einen Fehlanreiz. Parlamentarische Ausschüsse fragten bereits Anfang 1982: Wie konnte ein Mann mit umfassender Kriminalhistorie so lange unbehelligt weiterarbeiten?
Zudem rückte die Frage in den Fokus, wann und wie Sexual- und Gewaltstraftäter frühzeitig erkannt werden können. In einer parlamentarischen Anhörung wurde beispielsweise darauf hingewiesen, dass ein Täter wie Olson früher durch DNA-Analysen oder systematische Verknüpfung von Hinweisen hätte aufgegriffen werden können.
Medienberichte betitelten Olson als „Bestie von British Columbia“ – ein Begriff, der zwar die Brutalität ausdrückt, aber zugleich die Gefahr birgt, den Täter zu entmenschlichen und das Leiden der Opferfamilien in den Hintergrund zu drängen. Hier stellt sich eine ethische Frage: Wie berichtet man über Serienmorde, ohne Sensationslust zu bedienen, ohne Opfer zu voyeuristisch darzustellen, ohne Täter-Verherrlichung?
Die Opferfamilien wurden im Prozess und der Berichterstattung lange Zeit nur am Rande berücksichtigt. Seit dem Fall Olson gab es Bewegungen, die Rechte von Opfern stärker in den Mittelpunkt zu rücken – etwa durch Entschädigungen, Rechte auf Information, Mitwirkung und Öffentlichkeit.
Gesellschaftlich führte der Fall auch zu gestiegener Aufmerksamkeit für Kindesentführung, die Gefährdung junger Menschen in städtischen Räumen und die Rolle der Strafverfolgung. Auch heutige Polizeistrategien und Opfer-Schutzprogramme bauen teilweise auf den Lehren jener Zeit auf.
Dennoch bleibt eine Leerstelle: Es kann nie vollständig geklärt werden, wie viele Tatmuster von Olson vor Entdeckung unregistriert geblieben sind – wie viele Kinderleben unbemerkt endeten. Der Blick darauf bleibt schmerzlich und mahnt zur Wachsamkeit.