Serienmord & Wahnsinn

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David Copeland – Der Nail-Bomber von London

Dreizehn Tage Hass: Wie ein junger Mann drei Bomben legte, drei Menschen tötete und eine Stadt gegen den Terror der extremen Rechten aufbrachte

14.10.2026 25 min

Zusammenfassung & Show Notes

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Der Moment, in dem London verstand 

Am Abend des 30. April 1999 war der Admiral Duncan in der Old Compton Street in Soho voll. Menschen standen zusammen, tranken, unterhielten sich. Für Andrea Dykes, ihren Ehemann Julian und ihre Freunde John Light und Nik Moore sollte es ein Abend in London werden, bevor sie weiter ins Theater gingen. Andrea Dykes war 27 Jahre alt und schwanger. 

Dann explodierte eine Bombe. 

Die Druckwelle riss durch das Lokal. Nägel, die in der Bombe als Splitterwirkung dienen sollten, wurden mit großer Wucht in den Raum geschleudert. Andrea Dykes, John Light und Nik Moore starben. Julian Dykes wurde schwer verletzt. Dutzende weitere Menschen erlitten Verbrennungen, Verletzungen durch Nägel und Splitter oder mussten später mit den Folgen des Anschlags leben. Insgesamt wurden bei den drei Bombenanschlägen 139 Menschen verletzt. 

Für London war es der dritte Anschlag innerhalb von nur 13 Tagen. Erst Brixton, dann Brick Lane, schließlich Soho. Die Orte waren nicht zufällig gewählt worden. Die Anschläge richteten sich gegen schwarze, asiatische und homosexuelle Menschen. 

Der Mann, der diese Bomben gelegt hatte, hieß David Copeland. 

Ein unauffälliger junger Mann 

Copeland wurde am 15. Mai 1976 in Isleworth im Westen Londons geboren. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater arbeitete als Lokführer, seine Mutter war Hausfrau. Die Familie lebte später in Yateley in Hampshire, wo Copeland die örtliche Gesamtschule besuchte. 

Als Schüler galt er nach späteren Aussagen als eher zurückhaltend. Er war nicht als besonders gewalttätig bekannt. Er bestand sieben GCSE-Prüfungen und verließ die Schule mit 16 Jahren. Danach folgten verschiedene Arbeitsstellen, Alkohol und Drogen spielten in seinem Leben eine Rolle. Schließlich arbeitete er als technischer Helfer im Umfeld der Londoner U-Bahn. 

Nach außen wirkte seine Entwicklung lange weniger spektakulär, als sie sich später darstellen sollte. Doch in den Jahren vor den Anschlägen veränderte sich Copeland zunehmend. 

Psychiater berichteten später von einer zunehmenden Isolation. Copeland entwickelte eine Faszination für Nationalsozialismus, Gewalt und rassistische Ideologien. 1997 trat er der British National Party bei. Im folgenden Jahr schloss er sich dem National Socialist Movement an, einer neonazistischen Organisation. 

Seine politische Radikalisierung fiel mit persönlichen Problemen zusammen. 1998 suchte er einen Arzt auf und sagte, er habe das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Er erhielt Antidepressiva. 

Später sollte genau diese Frage den Mittelpunkt eines langen juristischen Streits bilden: War David Copeland ein ideologisch motivierter Mörder, der wusste, was er tat? Oder war er durch eine schwere psychische Erkrankung in seiner Schuldfähigkeit wesentlich eingeschränkt? 

Der Hass bekam ein Ziel 

Copelands Weltbild war von rassistischen und neonazistischen Vorstellungen geprägt. Im Prozess wurden Aussagen über seine Fantasien und seine Besessenheit von Adolf Hitler und der SS bekannt. 

Psychiatrische Gutachter berichteten, Copeland habe bereits als Jugendlicher Gewaltfantasien entwickelt. Er habe davon gesprochen, SS-Kommandeur zu sein und Macht über andere Menschen zu besitzen. Diese Aussagen stammten aus seinen späteren psychiatrischen Untersuchungen und wurden während des Prozesses ausführlich diskutiert. 

Seine politische Radikalisierung blieb nicht auf Worte beschränkt. 

Im April 1999 begann Copeland mit der Umsetzung seiner Pläne. 

Brixton 

Am 17. April 1999 fuhr Copeland nach Brixton im Süden Londons. In einer Gegend, die stark von der schwarzen Bevölkerung geprägt war, stellte er eine selbstgebaute Bombe ab. 

Das Gerät befand sich in einer Sporttasche. Die Bombe war mit Nägeln versehen, um die Zahl und Schwere der Verletzungen zu erhöhen. 

Menschen bemerkten die Tasche und alarmierten die Polizei. Als die Beamten eintrafen, explodierte der Sprengsatz. 

Rund 50 Menschen wurden verletzt. Es gab keinen Toten. 

Für die Ermittler war zunächst unklar, wer hinter dem Anschlag stand. Die Wahl des Zielortes deutete jedoch auf ein rassistisches Motiv hin. Kurz darauf bekannten sich rechtsextreme Gruppen telefonisch zu dem Anschlag. Die Polizei untersuchte deshalb zunächst auch mögliche Verbindungen zu organisierten extremistischen Netzwerken. 

Doch der Täter war kein Mitglied eines solchen Netzwerks, das die Anschläge gemeinsam geplant hatte. 

Er arbeitete allein. 

Die Spur auf den Bildern 

Nach dem Anschlag begannen die Ermittler, Videoaufnahmen aus Brixton auszuwerten. Die Polizei suchte nach einer Person, die mit dem später gefundenen Ablauf des Anschlags in Verbindung gebracht werden konnte. 

Die Auswertung der Überwachungskameras führte schließlich zu einem Mann. 

David Copeland. 

Am 29. April 1999 wurden Bilder des Verdächtigen veröffentlicht. Damit änderte sich die Lage dramatisch. 

Copeland wusste nun, dass die Polizei ihm auf der Spur war. 

Und trotzdem machte er weiter. 

Brick Lane 

Am 24. April hatte Copeland bereits den zweiten Anschlag vorbereitet. 

Diesmal wählte er Brick Lane im Londoner East End, ein Gebiet mit einer großen bangladeschischstämmigen Bevölkerung. Die Bombe wurde in Hanbury Street zurückgelassen. 

Auch dieses Mal bemerkte ein Passant die Tasche und alarmierte die Polizei. Der Sprengsatz explodierte dennoch. 

Dreizehn Menschen wurden verletzt. 

Wieder hatte Copeland ein Gebiet gewählt, das für eine ethnische Gemeinschaft Londons stand. Die Anschläge ergaben nun ein Muster: schwarze Menschen in Brixton, die südasiatische Gemeinschaft im East End und schließlich homosexuelle Menschen in Soho. 

Die Polizei begann, von einem gezielten rassistischen und homophoben Bombenfeldzug auszugehen. 

Der dritte Anschlag 

Die Veröffentlichung der Bilder setzte Copeland unter Druck. 

Später wurde bekannt, dass er den dritten Anschlag deshalb vorgezogen hatte. Statt noch länger zu warten, entschied er sich für Freitag, den 30. April. 

Sein Ziel war der Admiral Duncan in Soho. 

Der Pub lag im Herzen der Londoner Schwulenszene. Für Copeland war das Lokal damit nicht einfach ein beliebiger Ort. Es passte in das Feindbild, das sich aus seiner Ideologie entwickelt hatte. 

Am Abend betrat er das Lokal und stellte die Bombe ab. 

Andrea Dykes, ihr Ehemann Julian sowie John Light und Nik Moore waren zu diesem Zeitpunkt dort. Sie waren gemeinsam unterwegs und wollten später ins Theater. 

Die Bombe explodierte. 

Dykes, Light und Moore starben. Dykes war im vierten Monat schwanger. Ihr ungeborenes Kind starb ebenfalls. 

Die Zahl der Verletzten war enorm. Viele Menschen wurden durch die Nägel getroffen, andere erlitten schwere Verbrennungen. Einige Verletzte verloren Gliedmaßen. 

Der Anschlag auf den Admiral Duncan war der schwerste der drei Angriffe. 

Und zugleich wurde er zum Wendepunkt der Ermittlungen. 

Der entscheidende Hinweis 

Etwa 80 Minuten vor der Explosion hatte sich ein Mann bei der Polizei gemeldet: Paul Mifsud, ein Arbeitskollege Copelands. 

Mifsud hatte die veröffentlichten Bilder gesehen und glaubte, den Mann zu erkennen. 

Er informierte die Polizei. 

Die Ermittler hatten nun nicht mehr nur Überwachungsbilder, sondern einen konkreten Namen und eine Verbindung zu einer Person aus dem Umfeld des Verdächtigen. 

In der Nacht wurde Copelands Wohnort in Cove in Hampshire zum Ziel der Polizei. 

In den frühen Morgenstunden des 1. Mai 1999 wurde er festgenommen. 

Die Ermittler gingen davon aus, dass er allein gehandelt hatte. Bei der Durchsuchung fanden sie unter anderem Materialien, die mit seiner rechtsextremen Gesinnung und den Anschlägen in Verbindung standen. Copeland legte schließlich ein Geständnis ab und gab zu, die drei Bombenanschläge verübt zu haben. 

Damit endete die dreizehntägige Serie. 

Doch die Frage nach dem Warum begann erst jetzt. 

Der Mann hinter den Bomben 

Die Ermittlungen zeichneten ein Bild von einem jungen Mann, dessen Leben sich in den Jahren vor den Anschlägen zunehmend verengt hatte. 

Copeland hatte sich politisch radikalisiert. Er war Mitglied rechtsextremer Organisationen geworden und hatte sich mit nationalsozialistischer Ideologie beschäftigt. Gleichzeitig hatten sich psychische Probleme entwickelt. 

Mehrere Psychiater untersuchten ihn nach seiner Festnahme. 

Fünf Gutachter kamen zu dem Schluss, dass Copeland an paranoider Schizophrenie litt. Ein weiterer Psychiater diagnostizierte dagegen eine Persönlichkeitsstörung, die seiner Einschätzung nach nicht schwer genug war, um eine verminderte Schuldfähigkeit zu begründen. 

Damit war der Fall juristisch kompliziert. 

Denn dass Copeland psychisch krank war, wurde nicht grundsätzlich bestritten. Entscheidend war vielmehr die Frage, wie schwer seine Erkrankung zum Zeitpunkt der Anschläge gewesen war und ob sie seine Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden beziehungsweise die Folgen seines Handelns zu verstehen, erheblich beeinträchtigt hatte. 

Der Prozess am Old Bailey 

Der Prozess gegen Copeland begann vor dem Old Bailey in London. 

Copeland räumte ein, die drei Explosionen verursacht zu haben. Er bestritt jedoch, für Mord verantwortlich zu sein. Seine Verteidigung argumentierte mit verminderter Schuldfähigkeit und wollte erreichen, dass er wegen Totschlags statt wegen Mordes verurteilt wurde. 

Die Staatsanwaltschaft widersprach. 

Sie stellte Copelands politische Überzeugungen und seine Planung der Anschläge in den Mittelpunkt. Die Bomben waren nicht spontan entstanden. Er hatte Ziele ausgesucht, Geräte hergestellt, sie transportiert und an öffentlichen Orten platziert. 

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass seine psychische Erkrankung nicht ausreichte, um ihn von der Verantwortung für die Morde zu entbinden. 

Auch Copelands eigene Äußerungen spielten eine Rolle. 

Während seiner Untersuchungshaft hatte er Kontakt zu dem Kriminalautor Bernard O’Mahoney aufgenommen, der sich gegenüber Copeland unter einer erfundenen Identität als Frau ausgab. In Briefen äußerte sich Copeland über die Anschläge und seine psychische Verfassung. Die Schreiben wurden später für die Anklage wichtig, weil sie Hinweise auf seinen damaligen Geisteszustand und seine Haltung zu den Taten lieferten. 

Die Verteidigung stand damit vor einem erheblichen Problem. 

Drei Menschenleben 

Im Prozess wurde auch das Leid der Überlebenden sichtbar. 

Julian Dykes überlebte die Explosion schwer verletzt. Seine Frau Andrea war tot. Ebenso seine Freunde John Light und Nik Moore. 

Für die Angehörigen war der Anschlag nicht nur ein abstrakter Terrorakt. Er hatte Familien auseinandergerissen und Zukunftspläne ausgelöscht. 

Andrea Dykes war schwanger gewesen. Ihr Mann verlor damit nicht nur seine Ehefrau, sondern auch sein ungeborenes Kind. 

Die Opfer standen dabei für etwas, das Copeland treffen wollte: Menschen, die er aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer von ihm verachteten Gruppe als Feinde betrachtete. 

Das Urteil 

Am 30. Juni 2000 verkündete die Jury am Old Bailey ihr Urteil. 

David Copeland wurde wegen dreifachen Mordes schuldig gesprochen. 

Die Jury akzeptierte seine Argumentation der verminderten Schuldfähigkeit nicht. 

Copeland erhielt sechs lebenslange Freiheitsstrafen: drei wegen der Morde und drei wegen der Bombenanschläge. 

Im Gerichtssaal blieb er weitgehend regungslos. 

Der Richter bezeichnete die Taten als von fanatischem Hass und Verachtung gegenüber anderen Menschen geprägt. Die Entscheidung bedeutete, dass Copeland für seine Anschläge und die drei Todesopfer strafrechtlich als voll verantwortlich behandelt wurde. 

Er wurde anschließend in das Hochsicherheitskrankenhaus Broadmoor eingewiesen. 

Die Frage nach der Haftdauer 

Mit dem Urteil war der Fall juristisch jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen. 

Copeland war zunächst zu einer Mindesthaftzeit von 30 Jahren verurteilt worden. 2007 überprüfte der High Court den Fall erneut und erhöhte die Mindesthaftzeit auf 50 Jahre. 

Damit war eine Entlassung frühestens 2049 möglich, wenn Copeland 73 Jahre alt wäre. Der Richter bezeichnete den Fall als außergewöhnlich schwerwiegend und die Anschläge als eine Reihe gezielter Morde. 

Copeland legte gegen diese Entscheidung Berufung ein. 

2011 bestätigte das Court of Appeal die Mindesthaftzeit von 50 Jahren. 

Ein Anschlag, der London veränderte 

Die Bomben von 1999 trafen nicht nur einzelne Menschen. Sie richteten sich gegen das Prinzip einer vielfältigen Stadt. 

Brixton, Brick Lane und Soho standen für unterschiedliche Gemeinschaften Londons. Copelands Ziel war es, Angst zu erzeugen und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aufzubringen. Seine Taten wurden deshalb als Versuch eingeordnet, rassistische und homophobe Spannungen zu verschärfen. 

Doch die Reaktion Londons entwickelte sich anders. 

Nach dem Anschlag auf den Admiral Duncan wurden Blumen und Nachrichten vor dem Pub niedergelegt. Wenige Tage später wurden sie in einer Prozession nach Soho Square gebracht, wo ein provisorischer Erinnerungsort entstand. Eine Gedenkveranstaltung in Soho wurde von Hunderten Menschen besucht. 

Der Anschlag führte außerdem zu einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen Polizei und der schwulen Community. Gerade der Umgang der Polizei mit den Opfern und Zeugen nach der Explosion wurde später als wichtiger Moment in den Beziehungen zwischen Polizei und Londons LGBTQ-Community beschrieben. 

Ausgerechnet dort, wo Copeland eine Gesellschaft spalten wollte, entstand ein sichtbares Zeichen des Zusammenhalts. 

Die Erinnerung 

Der Name David Copeland wurde zum Synonym für die Londoner Nail-Bomb-Anschläge von 1999. Doch hinter diesem Namen standen drei Menschen, deren Leben nicht auf einen Täter reduziert werden konnte. 

Andrea Dykes war 27 Jahre alt. Sie war mit ihrem Mann und Freunden unterwegs und erwartete ihr erstes Kind. 

John Light war ihr Freund und sollte Pate des ungeborenen Kindes werden. 

Nik Moore gehörte ebenfalls zu der Gruppe, die an diesem Abend gemeinsam unterwegs war. 

Sie waren keine abstrakten Opfer eines politischen Konflikts. Sie waren Menschen, die an einem Freitagabend einen Pub besuchten. 

Der Anschlag machte sie zu Opfern eines Mannes, der glaubte, mit Gewalt eine Gesellschaft nach seinen rassistischen und homophoben Vorstellungen verändern zu können. 

Was von den Bomben blieb 

Die Geschichte von David Copeland ist deshalb nicht nur die Geschichte eines einzelnen Rechtsextremisten. Sie zeigt auch, wie sich persönliche Isolation, psychische Probleme, politische Radikalisierung und eine zunehmend menschenfeindliche Ideologie miteinander verbinden konnten. 

Doch nichts davon erklärt oder entschuldigt die Morde. 

Copeland hatte seine Ziele ausgewählt. Er hatte seine Bomben vorbereitet. Er hatte sie an Orten platziert, an denen Menschen zusammenkamen. Und über einen Zeitraum von 13 Tagen setzte er seinen Plan fort, obwohl der erste Anschlag bereits zahlreiche Menschen verletzt hatte und die Polizei nach ihm suchte. 

Am Ende starben drei Menschen. 

139 weitere wurden verletzt. 

Und eine Stadt, die der Täter durch Angst und Hass auseinanderreißen wollte, reagierte mit Trauer, Solidarität und Erinnerung. 

Der Admiral Duncan blieb geöffnet. Die Gemeinschaft, die Copeland treffen wollte, blieb bestehen. 

Die Bomben waren verstummt. 

Der Versuch, London durch Hass zu spalten, war gescheitert. 

David Copeland blieb im Gefängnis. 

Und die Namen Andrea Dykes, John Light und Nik Moore blieben mit dem Ort verbunden, an dem ihr Leben endete. 

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