Serienmord & Wahnsinn

Wahre Fälle. Wahre Täter. Wahnsinn pur.

Allan Legere – Der Schrecken vom Miramichi

Sechs Monate Freiheit, vier Morde und eine Fahndung, die Kanada veränderte

23.09.2026 23 min

Zusammenfassung & Show Notes

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Am Morgen des 24. November 1989 lag über dem Miramichi River in New Brunswick eine Kälte, die sich durch Kleidung und Handschuhe fraß. Seit fast sieben Monaten suchte die Polizei nach einem Mann, dessen Gesicht in Zeitungen und auf Fahndungsfotos immer wieder abgedruckt worden war. Allan Joseph Legere war nicht irgendein Flüchtiger. Er war ein verurteilter Mörder, der aus einem Hochsicherheitsgefängnis entkommen war und während seiner Flucht vier Menschen getötet hatte. 

Nun näherte sich die Suche ihrem Ende. 

Legere saß in einem Lastwagen, den er auf seiner Flucht übernommen hatte. Er wollte weiter. Weg aus der Region, weg aus New Brunswick, irgendwohin, wo die Fahndung nach ihm schwieriger werden würde. Doch ein anderer Lastwagenfahrer war aufmerksam geworden. Die ungewöhnliche Route machte ihn misstrauisch. Er verständigte die Polizei. 

Wenig später errichteten Beamte eine Straßensperre. 

Als die Polizisten den Lastwagen stoppten, war Legere bewaffnet. Eine abgesägte Schusswaffe befand sich bei ihm. Die Beamten wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Sie hatten monatelang nach diesem Mann gesucht. 

Dann stieg Legere aus. 

Seine Flucht war vorbei. 

Was danach blieb, war eine Region, die sich von den Ereignissen jener sechs Monate nur langsam erholen sollte. Und ein Strafverfahren, das weit über den Mordfall hinaus Bedeutung erlangte. Denn im Gerichtssaal von Burton sollte eine damals noch junge kriminaltechnische Methode eine entscheidende Rolle spielen: die DNA-Analyse. 

Ein Mann aus Chatham 

Allan Joseph Legere wurde am 13. Februar 1948 in Chatham, New Brunswick, geboren. Er stammte aus jener Region am Miramichi River, in der er später zum Synonym für Angst werden sollte. 

Über seine frühen Jahre ist deutlich weniger bekannt als über die späteren Verbrechen. Sein Leben vor der ersten Verurteilung war nicht die Biografie eines Menschen, dessen späteres Verhalten sich einfach aus einzelnen Ereignissen erklären ließe. Was sich jedoch aus den Gerichtsakten und den späteren Verfahren ergibt, ist eine lange Geschichte von Kriminalität, Gewalt und Fluchtversuchen. 

Im Juni 1986 überschritt Legere eine Grenze, die für seine weitere Geschichte entscheidend werden sollte. 

John und Mary Glendenning betrieben in Black River Bridge einen kleinen Laden. In der Nacht des 21. Juni 1986 drangen Legere und zwei Komplizen in das Gebäude ein. Aus einem Raubüberfall wurde ein brutaler Angriff. 

John Glendenning wurde tödlich verletzt. Seine Frau Mary überlebte schwer verletzt und sexuell missbraucht. Nachdem sie wieder zu Bewusstsein gekommen war, schleppte sie sich zu einem Telefon und alarmierte die Rettungskräfte. 

Die Polizei nahm die Beteiligten fest. 

Legere wurde wegen des Mordes verurteilt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 22. Januar 1987 begann seine lebenslange Freiheitsstrafe. 

Für die Außenwelt hätte damit die Geschichte enden können. 

Doch im Gefängnis war sie nicht zu Ende. 

Die Flucht aus dem Krankenhaus 

Am 3. Mai 1989 wurde Legere aus dem Atlantic Institution, einem Hochsicherheitsgefängnis in Renous, zu einer medizinischen Behandlung nach Moncton gebracht. Er hatte eine Ohrinfektion. 

Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng. Legere trug Handschellen und Fußfesseln. Gefängnisbeamte begleiteten ihn. 

Dann bat er um einen Toilettengang. 

Es war ein scheinbar nebensächlicher Moment. Doch Legere hatte offenbar eine Möglichkeit gefunden, die Fesseln zu überwinden. Im Badezimmer gelang es ihm, die Sicherungen zu öffnen. Als die Wärter reagierten, war er bereits entschlossen zu fliehen. 

Um 10.40 Uhr war Allan Legere verschwunden. 

Er verließ das Krankenhausgelände und begann eine Flucht, die sich über Monate erstrecken sollte. Fahrzeuge wurden gestohlen, Menschen bedroht, Wohnungen durchsucht. Die Polizei suchte in einer Region, deren Straßen, Wälder und abgelegene Grundstücke einem Flüchtigen zahlreiche Möglichkeiten boten, sich zu verstecken. 

Doch niemand wusste damals, wie lange diese Suche dauern würde. 

Und niemand wusste, wie viele Menschen sterben würden. 

Annie Flam 

Am 28. Mai 1989, nur wenige Wochen nach der Flucht, wurde in Chatham ein Feuer gemeldet. 

Es war Nacht. Ein kleines Geschäft stand in Flammen. Einsatzkräfte näherten sich dem Gebäude und fanden eine schwer verletzte Frau. Nina Flam lebte noch. 

Ihre Schwester Annie Flam war tot. 

Nina berichtete später von einem Angriff. Die Ermittler rekonstruierten einen Ablauf, der zu dem Mann passte, nach dem sie seit Wochen suchten. DNA-Spuren und andere Beweismittel sollten später eine Verbindung zu Legere herstellen. 

Annie Flam war eine ältere Frau und betrieb gemeinsam mit ihrer Schwester das Geschäft. Sie wurde brutal angegriffen und getötet. Anschließend wurde das Gebäude in Brand gesetzt. 

Nina überlebte. 

Ihre Aussage sollte für die Ermittler von großer Bedeutung werden. Sie war eine der wenigen Personen, die den Mann, den die Polizei suchte, unmittelbar erlebt und überlebt hatten. 

Während Feuerwehrleute und Polizisten am Tatort arbeiteten, wurde der Name Allan Legere erneut zum Zentrum der Ermittlungen. 

Für die Menschen am Miramichi bedeutete das etwas anderes. 

Der Mann, der bereits wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, lief wieder frei herum. 

Und er war offenbar bereit, erneut Gewalt anzuwenden. 

Die Angst wird zum Alltag 

Die Fahndung nach Legere entwickelte sich zu einer der größten Suchaktionen in der Geschichte der Royal Canadian Mounted Police. 

Polizisten patrouillierten durch die Gemeinden. Hinweise gingen ein. Menschen glaubten, den Flüchtigen gesehen zu haben. Andere meldeten verdächtige Fahrzeuge oder Geräusche. 

Die Bevölkerung begann, ihr Verhalten zu verändern. 

Türen wurden verriegelt. Menschen gingen nachts nicht mehr allein hinaus. Waffen und Gewehre wurden in Häusern bereitgehalten. Das Gefühl, dass der gesuchte Mörder irgendwo in der Nähe sein könnte, wurde Teil des täglichen Lebens. 

Die Ermittler standen gleichzeitig vor einem schwierigen Problem. Sie mussten einen Mann finden, der seine Erscheinung verändern konnte, Fahrzeuge wechselte und sich offenbar in der Region auskannte. 

Die Fahndung war nicht nur eine Suche nach einer Person. 

Sie war eine Suche nach jemandem, der nicht gefunden werden wollte. 

Zwei Schwestern 

Am 13. Oktober 1989 geschah in Newcastle das nächste Verbrechen. 

Donna und Linda Daughney lebten gemeinsam. Beide Frauen wurden in ihrem Haus getötet. 

Auch dieses Haus wurde angezündet. 

Die Ermittler fanden Hinweise auf massive Gewalt. Bei den Untersuchungen wurden Verletzungen festgestellt, die zu dem Muster passten, das sie bereits vom Flam-Verbrechen kannten. 

Jetzt waren es drei Tatorte. 

Drei Verbrechen. 

Mehrere Monate Flucht. 

Und jedes Mal tauchte derselbe Name im Hintergrund auf. 

Doch die Polizei musste beweisen, dass es tatsächlich Legere war. 

Genau hier lag das Problem. 

Es gab keine einfache fotografische Aufnahme des Täters am Tatort. Die Ermittler mussten eine Beweiskette aufbauen, die vor Gericht Bestand haben würde. 

Zeugenaussagen waren wichtig. Gefundene Gegenstände waren wichtig. Die Bewegungen des Flüchtigen waren wichtig. 

Doch ein Beweis sollte alles verändern. 

Die Spur im Blut 

Während der Ermittlungen wurden biologische Spuren gesichert. 

Die Forensik stand 1989 an einem Wendepunkt. DNA-Analysen waren noch weit davon entfernt, jene Selbstverständlichkeit zu besitzen, die sie Jahrzehnte später in Kriminalfällen haben würden. 

Im Fall Legere wurden DNA-Proben aus mehreren Tatorten untersucht. 

Bei Nina Flam ergaben die Analysen Übereinstimmungen mit Legeres DNA. Bei den Daughney-Schwestern wurden ebenfalls DNA-Spuren untersucht. In einem Fall ergab der Vergleich eine Übereinstimmung an mehreren hochvariablen Bereichen des genetischen Materials. 

Die statistische Bedeutung dieser Ergebnisse war enorm. 

Bei einer der Proben aus dem Flam-Fall wurde die Häufigkeit eines entsprechenden Vier-Sonden-Musters in der damaligen Vergleichspopulation mit weniger als eins zu 5,2 Millionen angegeben. Bei einer Probe aus dem Fall Linda Daughney lag die errechnete Häufigkeit eines Fünf-Sonden-Musters bei weniger als eins zu 310 Millionen. 

Die Verteidigung würde genau diese statistische Interpretation angreifen. 

Doch die DNA war nur ein Teil des Puzzles. 

Die Ermittler hatten noch weitere Spuren. 

Haare. Kleidung. Fußabdrücke. Fahrzeuge. Zeugenaussagen. Gegenstände, die während der Flucht auftauchten. 

Und immer wieder führte die Spur zurück zu Legere. 

Der Priester 

Am 15. November 1989 wurde James Smith in Chatham Head getötet. 

Smith war katholischer Priester. Er lebte im Pfarrhaus nahe der Kirche Nativity of the Blessed Virgin Mary. 

Als er am nächsten Tag nicht zum Gottesdienst erschien, wurde man misstrauisch. 

Ein Bekannter, der einen Schlüssel besaß, ging zum Pfarrhaus. 

Im Inneren fand er Smith tot. 

Die Polizei wurde gerufen. 

Wieder begann die Spurensicherung. 

Blut befand sich in mehreren Bereichen des Hauses. Auf dem Boden wurden Fußabdrücke entdeckt. Später konnten Ermittler die Abdrücke mit Schuhen in Verbindung bringen, die in der Nähe des verlassenen Fahrzeugs von Smith gefunden worden waren. 

Die Stiefel waren gereinigt worden. Dennoch fanden die Ermittler Blutspuren. 

Ein Sachverständiger kam zu dem Ergebnis, dass die Abdrücke von Legere oder von einer Person mit identischen charakteristischen Fußmerkmalen stammen mussten. Weitere Beweise verstärkten die Verbindung. 

Der Mord an Smith war der vierte Mord während Legeres Flucht. 

Jetzt war die Fahndung nicht mehr nur eine Suche nach einem entflohenen Gefangenen. 

Sie war eine Jagd nach einem Mann, dem vier Morde zur Last gelegt wurden. 

Ein Zug nach Montreal 

Legere versuchte inzwischen, die Region zu verlassen. 

Am 17. November 1989 kaufte ein Mann unter seinem Namen beziehungsweise unter einem Namen, den er mit Legere in Verbindung brachte, ein Zugticket nach Montreal. Ein Polizeibeamter erkannte ihn später auf dem Zug. 

Doch die Identifizierung scheiterte an einem Detail. 

Der Beamte verfügte nicht über ein Foto Legeres. Stattdessen hatte er eine Beschreibung erhalten, zu der auch ein Tattoo gehörte. 

Er sah das Tattoo nicht. 

Legere wurde nicht festgenommen. 

Der Zug fuhr weiter. 

Es war einer jener Momente, in denen die Fahndung beinahe erfolgreich gewesen wäre und dennoch scheiterte. 

Noch sechs Tage sollten vergehen. 

Die letzte Etappe 

Am Abend des 23. November 1989 nahm Legere in Saint John ein Taxi. 

Der Fahrer war Ron Gomke. 

Legere bedrohte ihn mit einer abgesägten Schusswaffe und verlangte, nach Moncton gefahren zu werden. 

Später trafen Legere und Gomke auf die Polizeibeamtin Michelle Mercer. Auch ihr Fahrzeug wurde übernommen. Doch in Sussex ergab sich eine Gelegenheit zur Flucht. 

Gomke und Mercer konnten entkommen. 

Legere floh weiter. 

Am folgenden Morgen befand er sich erneut in einem Fahrzeug. Schließlich gelangte er zu einem Lastwagenfahrer namens Brian Golding. 

Golding nahm den Mann mit, der sich als Allan Legere vorstellte. 

Er wusste offenbar nicht sofort, wen er vor sich hatte. 

Die Fahrt ging in Richtung Miramichi. 

Dann bemerkte ein anderer Lastwagenfahrer etwas Ungewöhnliches. Das Fahrzeug bewegte sich auf einer Straße, die normalerweise nicht von Lastwagen benutzt wurde. 

Er verständigte die Polizei. 

Die Beamten errichteten eine Straßensperre. 

Die Festnahme 

Am 24. November 1989 näherte sich die Flucht ihrem Ende. 

Legere war bewaffnet. Die Polizei wusste, dass der Gesuchte extrem gefährlich war. 

Als die Beamten ihn schließlich festnahmen, war eine sechsmonatige Fahndung beendet. 

Der Mann, der aus dem Krankenhaus entkommen war, hatte während seiner Zeit in Freiheit vier Menschen getötet und eine weitere Frau schwer verletzt. 

Nun saß er wieder in Haft. 

Doch die Ermittler mussten noch beweisen, dass er für die Morde verantwortlich war. 

Die Festnahme war nicht das Ende des Falles. 

Sie war der Beginn des schwierigeren Teils. 

Der Gerichtssaal 

Der Prozess begann am 26. August 1991 im Gericht von Burton, New Brunswick. 

Schon die Sicherheitsmaßnahmen machten deutlich, welche Bedeutung der Fall inzwischen hatte. Besucher wurden kontrolliert. Vor dem Gericht wurden Menschen durchsucht und Metalldetektoren eingesetzt. 

Im Saal saß Allan Legere unter Bewachung. 

Die Anklage musste vier Mordfälle beweisen. 

Die Verteidigung griff die Beweismittel an. Besonders die DNA-Analyse wurde zum zentralen Streitpunkt. 

Damals war die Methode für viele Juristen und Laien noch schwer verständlich. Begriffe wie genetischer Fingerabdruck, Sonden, polymorphe DNA-Bereiche und Populationsstatistik waren kein Bestandteil des alltäglichen Strafprozesses. 

Nun mussten Wissenschaftler einer Jury erklären, warum winzige biologische Spuren einen Menschen mit einem Tatort verbinden konnten. 

Die Verteidigung stellte die statistischen Methoden infrage und ließ einen eigenen Experten aussagen. 

Der Prozess wurde damit zu einem Test für eine Technologie, die später aus der Kriminalistik nicht mehr wegzudenken sein würde. 

Der genetische Fingerabdruck 

Die DNA-Beweise waren besonders deshalb bedeutsam, weil die Ermittler nicht lediglich eine einzelne Übereinstimmung vorlegten. 

Bei den untersuchten Proben aus den Flam- und Daughney-Fällen ergaben sich Übereinstimmungen an mehreren DNA-Bereichen. 

Auch Haarproben wurden analysiert. Material aus früheren Ermittlungen und später gesicherte Proben konnten miteinander verglichen werden. 

Die Bedeutung lag in der Kombination. 

Ein einzelner biologischer Fund konnte theoretisch zufällig auftreten. Mehrere unabhängige Übereinstimmungen mit sehr seltenen genetischen Mustern waren etwas anderes. 

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, die DNA-Spuren würden sich zusammen mit den übrigen Beweisen zu einem Gesamtbild verbinden. 

Die Verteidigung versuchte, genau diese Schlussfolgerung zu erschüttern. 

Für die Jury musste die Frage am Ende jedoch nicht lauten, ob DNA eine unfehlbare Maschine war. 

Sie musste entscheiden, ob die Gesamtheit der Beweise die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei belegte. 

Das Urteil 

Am 3. November 1991 wurde das Urteil verkündet. 

Allan Joseph Legere wurde in allen vier Mordfällen schuldig gesprochen. 

Damit endete ein Prozess, der in Kanada juristische und kriminaltechnische Bedeutung erlangt hatte. 

Die Verurteilung beruhte auf einem umfangreichen Beweisgefüge. DNA spielte dabei eine herausragende Rolle. 

Der Fall wurde zu einem frühen Beispiel dafür, wie genetische Beweise in einem kanadischen Mordprozess eingesetzt werden konnten. 

Legere erhielt lebenslange Haft. 

Die Verurteilung wegen seiner Flucht, Entführung und Körperverletzung war bereits zuvor erfolgt. Nun war auch die Frage beantwortet, wer für die vier Morde während seiner Flucht verantwortlich gemacht werden konnte. 

Spätere Rechtsmittel änderten daran nichts. Das Berufungsgericht von New Brunswick bestätigte die Verurteilungen. 

Der Schatten über Miramichi 

Für die Menschen am Miramichi war der Fall niemals nur eine Geschichte über DNA oder Strafrecht. 

Er hatte ihr Sicherheitsgefühl verändert. 

Die Angst hatte sechs Monate lang zum Alltag gehört. Menschen hatten ihre Häuser verriegelt, Nachbarn beobachtet und auf Geräusche in der Nacht reagiert. Die Polizei hatte eine enorme Fahndung organisiert. Beamte patrouillierten in Gemeinden und durchsuchten Waldgebiete. 

Der Fall zeigte zugleich die Verwundbarkeit einer ländlichen Region. 

Der Täter kannte die Gegend. Er konnte sich zwischen Straßen, Häusern und abgelegenen Bereichen bewegen. Fahrzeuge boten ihm Mobilität. Die Nähe kleiner Gemeinden bedeutete, dass Gerüchte und tatsächliche Hinweise sich schnell vermischten. 

Für die Ermittler bedeutete das eine enorme Herausforderung. 

Für die Bevölkerung bedeutete es, dass der Name Allan Legere über Monate in fast jedem Gespräch präsent war. 

Ein Fall verändert die Forensik 

Heute wirkt die Verwendung von DNA in einem Mordfall selbstverständlich. 

Damals war sie es nicht. 

Der Legere-Prozess zeigte, wie groß die Möglichkeiten dieser Technologie waren – und zugleich, wie sorgfältig ihre Grenzen diskutiert werden mussten. 

Die Verteidigung stellte insbesondere die statistische Interpretation der DNA-Ergebnisse infrage. Wissenschaftler erklärten vor Gericht, wie selten bestimmte genetische Muster in der Bevölkerung vorkamen und welche Aussagekraft mehrere übereinstimmende Bereiche hatten. 

Damit wurde der Gerichtssaal für einige Wochen zu einem Ort, an dem Strafrecht und moderne Genetik unmittelbar aufeinandertrafen. 

Der Fall wurde später häufig als ein Meilenstein der kanadischen Forensik beschrieben. 

Nicht weil DNA allein einen Täter überführt hätte. 

Sondern weil die Ermittler erstmals in dieser Größenordnung zeigen konnten, wie genetische Spuren mit Zeugenaussagen, Gegenständen, Bewegungsprofilen und klassischen kriminalistischen Methoden zusammengeführt werden konnten. 

Die letzten Jahrzehnte 

Allan Legere blieb nach seiner Verurteilung im Gefängnis. 

Auch Jahrzehnte später blieb sein Name mit der Frage verbunden, ob von ihm weiterhin eine Gefahr ausgehen könnte. Seine Haftbedingungen und spätere Entscheidungen über seine Unterbringung sorgten immer wieder für Diskussionen. 

2015 wurde er aus der Special Handling Unit in Sainte-Anne-des-Plaines in das Edmonton Institution verlegt. 

Für Menschen aus der Miramichi-Region war die Nachricht schwer einzuordnen. Der Mann, der ihre Gemeinden 1989 in Angst versetzt hatte, war inzwischen ein alter Gefangener. 

Doch das Alter löschte die Vergangenheit nicht aus. 

Die Namen der Opfer blieben. 

Annie Flam. 

Donna Daughney. 

Linda Daughney. 

James Smith. 

Und auch die Überlebenden der früheren Angriffe mussten mit dem zurückbleiben, was geschehen war. 

Das Ende eines langen Lebens 

Am 9. März 2026 starb Allan Joseph Legere im Edmonton Institution. 

Er war 78 Jahre alt. 

Der kanadische Strafvollzugsdienst bestätigte seinen Tod während der Haft. Legere hatte seit dem Beginn seiner lebenslangen Freiheitsstrafe im Jahr 1987 insgesamt fast vier Jahrzehnte im Gefängnis verbracht. 

Sein Tod beendete damit nicht die Geschichte des Falles. 

Er schloss lediglich das letzte Kapitel im Leben des Mannes, dessen Flucht 1989 eine ganze Region erschüttert hatte. 

Was vom „Monster of the Miramichi“ bleibt 

Der Spitzname, den die Medien Legere gaben, war eingängig und grausam zugleich: „Monster of the Miramichi“. 

Doch hinter diesem Etikett standen reale Menschen. 

John Glendenning, dessen Leben 1986 bei einem Raubüberfall endete. 

Mary Glendenning, die schwer verletzt überlebte. 

Annie Flam, die in ihrem Geschäft getötet wurde. 

Nina Flam, die den Angriff überlebte. 

Donna und Linda Daughney, die gemeinsam in ihrem Zuhause starben. 

James Smith, der Priester, der nicht zu seinem Gottesdienst erschien und tot im Pfarrhaus gefunden wurde. 

Die Geschichte von Allan Legere ist deshalb nicht nur die Geschichte eines Mörders, einer Flucht oder einer spektakulären Fahndung. 

Sie ist auch die Geschichte einer Gemeinschaft, die für Monate in Angst lebte. 

Und sie ist die Geschichte eines kriminalistischen Umbruchs. 

Als Legere 1989 aus einem Krankenhaus floh, war DNA-Analyse noch eine junge Wissenschaft, deren Beweiskraft vor Gericht intensiv diskutiert wurde. Als er Jahrzehnte später starb, war genetische Forensik aus modernen Ermittlungen kaum mehr wegzudenken. 

Dazwischen lagen fast vierzig Jahre Gefängnis. 

Aber die entscheidenden Monate spielten sich im Jahr 1989 ab. 

Sechs Monate, in denen ein verurteilter Mörder frei war. 

Vier Menschen, die getötet wurden. 

Eine Frau, die überlebte. 

Eine Provinz, die sich fürchtete. 

Eine Polizei, die ihn suchte. 

Und ein Gericht, das schließlich mithilfe einer damals revolutionären Technologie die Frage beantwortete, die seit seiner Flucht über dem Miramichi gelegen hatte: 

Wer hatte diese Menschen getötet? 

Die Antwort lautete Allan Joseph Legere. 

Und mit seiner Verurteilung endete zwar die Suche nach dem Täter – nicht aber die Erinnerung an die Opfer. 

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